Rezension: Die Geschichte von Nathan dem Weisen

Ich mag es, wenn Kindern altersgerecht alte Geschichten und Klassiker vermittelt werden. Uns so war ich auch sehr neugierig auf das Bilderbuch „Die Geschichte von Nathan dem Weisen – Die Ringparabel neu erzählt“.

Hier geht es um die Begegnung von Nathan dem Weisen mit dem Sultan, bei der der Sultan Nathan nach der wahren Religion fragt. Statt einer Antwort erzählt Nathan die Ringparabel: Ein Vater mit drei Söhnen hat nur einen einzigen besonderen Ring zu vererben. Er fertigt Kopien an, so dass jeder Sohn einen Ring erhält von dem er annimmt, dass es der echte ist.

Die Ringparabel ist ein Aufruf zum Frieden und zur Toleranz und somit ein wichtiger Denkimpuls in der heutigen Zeit, in der Andersgläubigen häufig mit viel Skepsis und Argwohn und teils sogar mit Hass begegnet wird.

Die Geschichte ist nicht ganz einfach, kann aber von Kindern ab dem Grundschulalter gut verstanden werden. Ich denke aber, dass es wichtig ist, mit Kindern über den Inhalt zu sprechen und noch mal zusammenzufassen, worum es eigentlich geht.

Schön gestaltetes Bilderbuch

Sprachlich erinnert die Erzählung an ein Märchen. Sicherlich wird auch nicht jedes Wort von Kindern verstanden, aber das macht nichts, denn die Botschaft kommt am Ende an.

Durch die Sprache und die schönen Bilder, die einen in die Welt des Sultans entführen, ist das Bilderbuch sehr beeindruckend. Man spürt, dass es sich um eine besondere Geschichte handelt. Es ist ein Buch, welches man gerne in den Händen hält und mit dem man Kindern gerne die Ringparabel nahe bringt. Selbstverständlich ist dieses Buch auch gut für den Grundschulunterricht geeignet. Für deutlich jüngere Kinder ist es eher schwierig. Allein das Thema Religion ist für Kindergartenkinder nicht unbedingt greifbar und es ist schon recht viel verlangt, wenn sie den Transfer von der Ringparabel leisten müssen. Sollten sie jedoch bereits Interesse an diesem Thema zeigen und bereits viel Kontakt zu Menschen unterschiedlichen Glaubens haben, so kann man das Buch auch schon mit Vorschulkindern betrachten und über die Thematik sprechen.

Die Geschichte von Nathan dem Weisen – Die Ringparabel neu erzählt von Max Bolliger und Giuliano Ferri, Herder Verlag, ISBN: 978-3-451-71397-2, 14,99€

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Lasst uns dem Brückentroll freundlich begegnen!

Achtung, macht nicht den Fehler  und geht achtlos an kleinen Büchlein vorbei. Kleines Format ist keineswegs gleichbedeutend mit „kleinem“ bedeutungslosem Inhalt. Zumindest nicht bei dem Büchlein „Der Brückentroll“. „Der Brückentroll“ ist vielmehr ein rundum gelungenes Buch: Ein Troll klingt spannend und aufregend (Bücherwürmchen spricht von einem „coolen“ Buch), die Bilder sind sowohl humorvoll als auch berührend, die Geschichte lässt sich gut lesen und sie spricht zudem wichtige Themen wie beispielsweise Ausgrenzung, Angst vor Fremden, aber auch Toleranz und Freundschaft an.

Im Mittelpunkt des Buches stehen der Zugbrückenwärter (im Übrigen auch Ausgangspunkt einiger Kettenwörter) und natürlich der titelgebende Brückentroll. Als der Zugbrückenwärter den Brückentroll zum ersten Mal unter seiner Zugbrücke schlafend vorfindet, ist er gar nicht begeistert darüber. Doch als er dann erfährt, dass dies seit vorgestern das Zuhause des Trolls ist, ändert sich seine Sicht, denn man kann doch nicht einfach jemanden aus seinem Zuhause werfen. Er akzeptiert also den Troll unter der Brücker und mehr noch: Die beiden freunden sich an. Leider sind die Einwohner der näheren Umgebung weniger aufgeschlossen. Sie wollen den Troll los werden und beinahe gelingt es ihnen auch. Schweren Herzens schickt der Zugbrückenwärter den Troll fort, aber am Ende steht er dann doch zu seinem Freund und macht ihn sogar zu seinem Mitarbeiter.

Der Brückentroll“ ist ein hochaktuelles Buch, indem es zum Glück den vorbildlich handelnden Zugbrückenwärter gibt. Nein, er freut sich nicht darüber, dass auf einmal ein Brückentroll unter seiner Brücke schläft, aber er lässt diesen zu Wort kommen und fragt nach. Und auch wenn ihm beim Troll manches fremd vorkommt (wie z.B. sein lautes Rülpsen), so begegnet er ihm genauso höflich wie allen anderen auch. Auf diese Weise bekommt er einen neuen Freund, von dem auch er noch einiges lernt. Der Zugbrückenwärter ist menschlich. Der Druck von außen ist groß und er beugt sich diesem, aber am Ende gewinnt die wahre Freundschaft und Menschlichkeit. Die Freunde sind wieder zusammen und der Brückentroll bekommt sogar eine Arbeit. Er wird integriert.

Leider erinnert besonders das Bild der wütenden Menschenmasse, die ein Schild mit der Aufschrift „Trolle raus aus der Stadt!“ trägt, an aktuelle Ereignisse. Es ist ein Bild, welches viele verschiedene Emotionen weckt. Ich werde dabei gleichzeitig traurig und bedrückt, aber auch wütend. Überhaupt berühren einen die Bilder in diesem Buch sehr. Der Troll sieht zwar aus wie ein großer, rüpeliger Kerl, aber er sieht gleichzeitig sehr freundlich und herzensgut aus. Allein durch den Kuschelteddy unterm Arm gewinnt er einen gleich für sich. Auch Bücherwürmchen wird von den Bildern und der Geschichte stark angesprochen. Jedes Mal leidet er ganz schlimm mit dem weinenden fortziehenden Troll. Ja, Kinder haben ein großes Herz. Sie möchten helfen, sie sind offen, sie sind für Gerechtigkeit, Harmonie und Frieden und sie haben ein Gespür für Menschlichkeit und Freundschaft. Lasst uns ihnen ein Vorbild sind und nach diesen Prinzipien leben. Lasst uns ihnen Geschichten vorlesen, in denen es m diese Aspekte geht. Vielleicht bleiben ihnen diese kindlichen Eigenschaften dann ein Leben lang erhalten und die Welt kann ein Stückchen besser werden.

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Der Brückentroll von Thomas Hussung, Edition Pastorplatz, ISBN: 978-3943833157, 14,50€

Das Thema Toleranz im Bilderbuch

Toleranz, ein friedliches Miteinander, Zivilcourage, Offenheit – all dies sind Werte, die uns wichtig sein sollten. Leider ist dies nicht immer selbstverständlich und so ist es wichtig, dass man dies immer wieder thematisiert. Auch im Bilderbuch „Abrakazebra“ geht es darum, jemanden von außerhalb zu akzeptieren, was Onkel Ziege nicht gerade leicht fällt.

Das Örtchen Nichtviellos trägt seinen Namen zu recht. Hier passiert nicht viel, aber dafür ist es auch sehr friedlich. Um sich die Langeweile zu vertreiben, schauen die Kinder Onkel Ziege dabei zu, wie er sein Fischerboot repariert. Doch dann gibt es auf einmal etwas wirklich Spannendes in dem kleinen Örtchen. Ein Zebra ist gekommen und veranstaltet bunte Zauberschaus. Klar, dass die Kinder da begeistert waren, aber auch die Erwachsenen freuen sich über die Abwechslung und bieten dem Zebra jede Menge Hilfe, angefangen von Limonade und Keksen bis hin zu einem Bett, an. Nicht nur die Zauberschaus locken die Bewohner von Nichtviellos an, sondern auch die spannenden Geschichten, die das Zebra von seinen Reisen erzählen kann. Einem gefällt das alles jedoch gar nicht. Onkel Ziege beobachtet Zebra misstrauisch und beginnt dann sogar schlecht vom Zebra zu reden. Auf Tiere mit Streifen sei kein Verlas und noch schlimmer wird es, wenn sie erst sesshaft werden. Hoffentlich reicht dann überhaupt noch das Futter für alle. Es bleibt aber nicht nur bei den üblen Reden. Onkel Ziege hängt sogar ein Plakat auf: Streifen sind verboten. Und obwohl doch alle so begeistert von der Zauberschau des Zebras waren, wagt es niemand gegen das Plakat zu protestieren, so dass das Zebra letztendlich still und leise sein Rad nimmt und davon fährt. Die Kinder vermissen das Zebra sehr und als die Stimmung im Ort nicht wieder steigen wollte, sieht Onkel Ziege ein, dass er einen Fehler gemacht hat. Ja, er sieht es nicht nur ein, sondern er versucht auch seinen Fehler wieder gutzumachen. Mit den anderen Tieren begibt er sich auf die Suche nach dem Zebra und entschuldigt sich bei ihm. So kommt es, dass Nichtviellos ein offener Ort wird, in dem jeder willkommen ist.

Schade, dass es niemand gewagt hat gegen das Plakat und die Reden von Onkel Ziege zu protestieren, aber als das Zebra dann weg ist, zeigen zumindest die Kinder, wie sie das finden. Gut gefällt mir, dass Onkel Ziege seinen Fehler einsieht und dass er die Größe hat, ihn zuzugeben. Nur so kann es das friedliche, gemeinsame Happy End geben, bei dem die Dorfbevölkerung das Zebra als bereichernd in ihrer Mitte aufnimmt. Wie schön wäre es, wenn dies auch in der Realität öfter der Fall wäre…

Das Buch an sich ist einfach toll! Es erzählt die Geschichte in heiterer Form, so dass es Spaß macht sie zu lesen. Der Text ist gut gereimt und die Bilder sind sehr ansprechend. Die Tiere auf den Bildern sind einfach irgendwie knuffig. Aber auch wenn die Geschichte hier so locker erzählt wird, beinhaltet sie ein wichtiges Thema und Kinder fangen auch ohne Impulse von außen an, über die Geschichte nachzudenken. Allerdings besteht hier der einzige Knackpunkt an diesem Buch. Kinder sind in der Regel erst einmal tolerant und offen für neues. Es ist ihnen fremd, andere auszuschließen, weil sie anders sind – es sei denn, es wird ihnen von anderen vorgelebt. Bücherwürmchen kann jedenfalls überhaupt nicht verstehen, warum Onkel Ziege erst so gemein ist. Zwischendurch meint er sogar, dass er das Buch deshalb nicht mögen würde. Er findet es blöd, dass Onkel Ziege so unfreundlich guckt. Kinder finden ja das Zebra spannend, so dass es ihnen schwer fällt die Perspektive von Onkel Ziege einzunehmen. Man kann das Ganze dann natürlich mit ihnen thematisieren und auch zur Sprache bringen, dass man über andere nicht schlecht reden soll, weil es sie traurig macht und weil es oft gar nicht stimmt, was man da verbreitet, aber dennoch kommt beim nächsten Lesen wieder die Frage auf, warum sich Onkel Ziege so verhält wie er es tut.

Inwiefern lernen Kinder nun in diesem Buch etwas über Toleranz? Ich vermute, dass Kinder Onkel Ziege erst einmal äußerst merkwürdig finden und es für sie klar ist, dass das Zebra, das so gute Sachen machen kann, im Ort bleiben kann. Sie wundern sich allerdings über die Sachen, die Onkel Ziege sagt und da kann dann auch schon mal die verunsicherte Nachfrage kommen, ob das denn stimmt, was er alles erzählt. An dieser Stelle ist es wichtig, dass man mit den Kindern darüber spricht, was Onkel Ziege da eigentlich macht. Von selbst verstehen sie es nämlich meist nicht, denn dies ist keine kindliche Verhaltensweise. Die Kinder werden auch nach der Erklärung kein Verständnis für Onkel Ziege haben und am Ende wird ihr eigenes Gefühl bestätigt: Das Zebra gehört dazu! Onkel Zieges Verhalten war falsch! Je öfter Kinder solche Geschichte hören und so ihr Wertegefühl bestärkt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Werte zur Grundlage ihres eigenen Handelns machen. Durch das positive Ende des Bilderbuches, welches in diesem Zusammenhang sehr wichtig und bedeutend ist, wird bestätigt, dass die Kinder in dem Ort von Anfang an auf dem richtigen Weg waren: Das fremde Zebra, welches sich von Beginn an von einer positiven Seite gezeigt hat, wird mit offenen Armen empfangen und bringt endlich Leben in den Ort. Was exotisch und fremd ist, ist nicht gleichzusetzen mit gefährlich und schlecht, sondern kann das eigene Leben bereichern.

Nachdem Helen Docherty und Thomas Docherty mit dem Bücherschnapp ein Buch geschrieben haben, in dem es um wichtige Dinge im Leben eines einzelnen Kindes ging, in diesem Fall um die wichtige Gute-Nacht-Geschichte, die man keinem Kind vorenthalten sollte, haben sie es nun geschafft, ein Buch zu schreiben, das einen wichtigen Aspekt im Hinblick auf die ganze Gesellschaft thematisiert. Toll, wenn solch bedeutende Themen in so fröhliche Bilderbücher, die man sich gerne anschaut, gepackt werden. Genau so muss man es machen! Kein erhobener Zeigefinger ist zu sehen. Der Spaß bleibt immer im Vordergrund, auch wenn die ganze Zeit etwas erzählt wird, was von großer Bedeutung ist. So gefällt es mir sehr gut.

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Abrakazebra – Jeder braucht ein bisschen Zauberei von Helen Docherty und Thomas Docherty, Deutsch von Dorothee Haentjes-Holländer, ellermann Verlag 2015, ISBN: 978-3-7707-4501-2, 12,99€