Darf man seinem Kind vor der Schule das Lesen beibringen?

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Ich weiß, dass diese Frage immer sehr kontrovers diskutiert wird: Soll ein Kind schon vor Schuleintritt lesen lernen? Meines Erachtens ist die Antwort darauf ganz einfach: Nein, ein Kind soll und muss vor der Schule nicht lesen lernen, aber es darf es. Viele Eltern möchten dies aber nicht und lehnen auch den Wunsch des Kindes ab: „Nein, lesen lernt man in der Schule. Jetzt spielst du besser noch.“  Einerseits möchten sie, dass ihr Kind noch viel Zeit hat um frei spielen zu können und andererseits haben sie Angst, dass sich ihr Kind ansonsten in der Schule langweilen könnte. Ja, das kann passieren, aber das kann genauso passieren, wenn das Kind in der Schule ist, und ihm der Prozess des Lesenlernens deutlich leichter fällt als den anderen Kindern. Alle Kinder kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule und lernen auch dort in ihrem eigenen Tempo. Es wird so oder so so sein, dass die Kinder unterschiedlich weit sind. Wenn Kinder, die bereit sind lesen zu lernen, dies nicht vor der Schule tun dürfen, dann lernen sie es eben in der Schule schnell und dann könnten sie sich genauso langweilen. Aber eigentlich dürfte es heute sowieso nicht mehr so sein, dass ein Kind sich aus diesem Grund langweilt, denn normalerweise wird in den Schulen differenziert. Es ist überhaupt kein Problem einem Kind, das schon lesen kann anderes Lesematerial zu geben, als Kindern, die dies gerade erst lernen.

Und nur weil ein Kind zu Hause lesen lernt, wird ihm nicht seine ganze Freizeit genommen. Man beschäftigt sich vielleicht mal 15 Minuten mit diesem Thema und der Rest des Tages wird dann für andere Aktivitäten genutzt.

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Mein Sohn wollte auch lesen lernen. Letztes Jahr im Herbst. Da war er gut 5 Jahre alt. Die Buchstaben kannte er schon, allerdings meist nur die Großdruckbuchstaben. Ich war bereit ihm das Lesen beizubringen, allerdings habe ich ihm auch ein paar Sachen dazu gesagt: Lesen lernen bedeutet Anstrengung und Übung. Man kann nicht direkt ein ganzes Buch lesen, sondern muss immer wieder üben. Außerdem musste er die kleinen Buchstaben kennen lernen, da Texte ja gewöhnlich nicht in Großdruckbuchstaben geschrieben sind. Für mich war ganz klar, ich helfe meinem Sohn dabei, das Lesen zu erlernen, aber immer nur dann, wenn er es auch möchte. Das heißt, ich habe ihn in diesem Prozess zwar ab und zu gefragt, ob er noch einmal lesen üben möchte, aber wenn er dies nicht wollte, dann habe ich ihn auch gelassen. Manchmal hat er auch gesagt, dass er nach dem Mittagessen lesen üben möchte, ist dann aber doch oben in seinem Zimmer geblieben und hat dort gespielt. Auch dann habe ich ihn einfach gelassen. Noch kann er es sich aussuchen, ob er üben will oder nicht. Es ist seine Freizeit und es ist eben nicht Schule. Wenn er aber üben möchte, dann bin ich für ihn da und unterstütze ihn.

Ganz wichtig ist mir der Grund, warum man seinen Kindern lesen bei bringt:

Es sollte ein Wunsch des Kindes sein.

Es sollte nicht um die Leistung gehen, die man gerne sehen würde.

Wir üben gemeinsam lesen, weil mein Sohn sich das gewünscht hat und vor allem, weil es uns beiden viel Spaß macht. Klar, für meinen Sohn ist das Ziel des Lesenkönnens wichtig, aber dies ist es zu diesem Zeitpunkt nicht für mich. Ich übe nicht mit ihm lesen, damit er es dann schon mal vor der Schule kann, sondern weil es mir einfach unglaublich viel Freude bereitet.

Nun muss ich natürlich zugeben, dass ich vom Beruf Grundschullehrerin bin und somit auch das entsprechende Material zu Hause habe und eben weiß, wie man vorgeht. Es gibt aber jede Menge Übungshefte, die man auch problemlos als Laie mit seinen Kindern verwenden kann. Ein paar davon, werde ich morgen vorstellen.

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15 Kommentare zu “Darf man seinem Kind vor der Schule das Lesen beibringen?

  1. Ich sehe das ganz genau so. Bei meiner Mittleren wollte ich es gerne verhindern, weil es ihr so leicht viel, dass sie ihren älteren Bruder direkt „überholt“ hat und das Konflikte mit sich brachte. Letzten Endes haben zwei von drei Kindern das Lesen mit mir zu Hause gelernt. Ausgangspunkt war die LRS meines ersten Kindes, worüber ich diese Woche im Zusammenhang mit der Leseförderung noch berichten werde (wenn ich endlich mal fertig werde mit dem Artikel).

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  2. Ich finde es nicht schlimm, wenn Kinder vor der Schule bereits lesen oder rechnen können, solange kein Zwang dahinter stet.

    Wir mussten uns bei unserer Großen auch immer rechtfertigen. Sie konnte bereits mit 4 Jahren rechnen, kannte Grundbegriffe aus der englischen Sprache und konnte Großbuchstaben schreiben. Am liebsten hat sie stundenlang Vorschulblöcke gelöst. Da mussten wir sogar ab und zu eingreifen und sagen: „Nun ist aber gut.“ Sie wollte es einfach.
    Mit 5 fing sie an und hat sich das Lesen fast selbst beigebracht. Wir haben dann immer abends im Bett gemeinsam „geübt“ und nur weil sie es so wollte und auch wann sie es wollte. Dabei kann ich da nicht einmal von lernen sprechen, weil es für sie eher ein Spiel war, bei dem sie Spaß hatte.

    Wir haben nur unterstützt. Ich halte es nicht für richtig, die Kinder zu bremsen, wenn sie in ihrem Wissendrang vorwärtsstürmen. Unsere Maus hat sich in der ersten Klasse trotzdem nicht gelangweilt, denn es gab noch genug zu lernen. Zugegeben hatte sie es in vielen Dingen leichter, da das Grundwissen bereits vorhanden war.

    Bei ihren jüngeren Geschwistern ist das nun anders. Sich etwas vorlesen lassen, Bücher anschauen und Geschichten hören begeistert beide. Allerdings zeigen sie kaum Interesse an Buchstaben oder Rechnen. Und da drängen wir auch nicht weiter. Die Mittlere musste dann in der ersten Klasse alles neu lernen und auch das hat funktioniert. Der Anlauf war nur einwenig schwerer für sie. Beim Kleinen werden wir sehen, wie sich die Zukunft gestaltet.

    Kinder sind eben verschieden und sollten daher auch ihrem Naturell gemäß gefördert werden.

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    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar und das Mitteilen deiner Erfahrungen. Ist immer sehr interessant zu hören, wie es bei anderen läuft. Ja, Zwang und Pflicht darf es auf keinen Fall sein. Ich bin mir auch sicher, dass sich Bücherwürmchen in der ersten Klasse nicht langweilen wird. Allein die Schulsituation an sich ist ja schon spannend.

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  3. Sehr spannend. Das ganze Leben ist ja ein Lernprozess. Und wenn mein Kind etwas aktiv möchte, dann werde ich es unterstützen. Man regt auch ein bisschen die Autodidaktik an, weil sie auch unbewusst ohne Unterstützung weiter üben. Zumindest sehe ich das bei meinem Rabaukix gerade bei vielen anderen Dingen (Wochentage, Zählen etc) bisher hatte ich noch gar nicht ans selber lesen lernen wollen gedacht – aber es erscheint mir auf den ersten blick logisch es zu unterstützen. Ich bin gespannt auf die Heft-Vorschläge.

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  4. Liebe Miri,
    bei diesem Thema kann ich dir mal meine eigenen Erfahrungen schreiben. Ich habe zwei Söhne. Der große hat sich mit 4 1/2 Jahren das Lesen selbst beigebracht. Er hatte eine Ess-Unterlage, auf der die Großbuchstaben als lustige Tiere dargestellt waren. Ich hatte gar keine HIntergedanken, dass ich sie ihm gekauft hatte, fand sie nur wegen der lustigen Tiere so knuffig. Mit 3 Jahren fing er an, nach den Buchstaben zu fragen. Das ging ein gutes Jahr lang so….bis er eines Tages, als er von Oma und Opa kam, stolz verkündete: „Ich kann lesen!“ Habe ich ihm natürlich nicht geglaubt, bis er mir anfing, ein wahllos herausgesuchtes Pixiheft vorzulesen. Auf die Frage, warum er das denn jetzt plötzlich könne, sagte er, die Oma habe ihm auf seinen Wunsch das Alphabet in Kleinbuchstaben aufgeschrieben und dann habe er an ein paar bekannten Pixis geübt 😉
    Der Dämpfer kam dann bei der Schuluntersuchung. Als die Ärztin mitkriegte, wie Jan mir das Infoblatt vorlas, sagte die Ärztin allen Ernstes, ich solle ihm seine Bücher wegnehmen. Das Lesen gehöre schließlich in die Schule und nicht ins Kiga-Alter….Habe ich natürlich nicht gemacht!
    Unser Kleiner ist immer vor Büchern weggelaufen und wenn ich es doch mal geschafft hatte, ihm eins in die Hand zu drücken, hat er immer Stücke aus dem Buchrücken herausgebissen. Ich dachte nur, ob er jemals Spaß am Lesen haben wird? Um es kurz zu machen…in den Herbstferien der ersten Klasse las auch er flüssig, sogar komplizierte Worte und liest jetzt sogar lieber als der große Bruder.
    Was ich sagen will: Jedes Kind hat seine Zeit für die verschiedenen Aufgaben. Das Interesse lässt sich weder auf Knopfdruck erzeugen, noch unterdrücken. Aber wenn es soweit ist, soll man sie unterstützen, nicht nur beim Lesen – und als Mutter kann man seine Kinder auch viel besser einschätzen als manche der Fachleute 🙂

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    • Vielen Dank für das ausführliche Mitteilen deiner Erfahrungen! Ja, ich denke genauso wie du, dass erstens jedes Kind unterschiedlich ist und es zu unterschiedlichen Zeitpunkten Interesse an etwas zeigt und dieses Interesse sollte man immer unterstützen. Macht man ja auch, wenn das Kind Fußball spielen möchte oder gerne was basteln will oder was auch immer.
      Ich habe aber auch schon gehört, dass die bei der Schuluntersuchung oft sehr kritisch reagieren, wenn ein Kind schon lesen kann. Aber das ist mir egal…

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      • Miri, lass dich da bloß nicht beirren. Ich finde, intuitiv handelt man meist richtig. Vor allem, wenn man merkt, dass die Kinder glücklich damit sind.
        Fahrradfahren ging bei beiden auch nicht per Knopfdruck. Dieses „Der Junge muss doch schon längst Fahrrad fahren können.“ konnte ich irgendwann nicht mehr hören. Sie wollten nicht, es klappte auch nur äußerst zögerlich. Aber als plötzlich der eigene Wunsch da war, klappte es innerhalb von zwei Tagen….Bloß weg mit diesem schäbigen, unnützen Schubladendenken…

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      • Du hast völlig recht! Leider gibt es immer genug Leute, die meinen einem sagen zu müssen, was Kinder schon können sollten und was nicht… Es ist nicht immer leicht, das alles auszuschalten und sich selber und seinen Kindern zu vertrauen. Aber wir bemühen uns 😉

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  5. Kinder haben ja ihre Zeitfenster für bestimmte Entwicklungsschritte, die individuell sind. Wenn dieses Fenster sich für Lesenlernen öffnet, dann lernt es leicht. Im Kindergartenalter beantworte ich die Fragen, ohne Druck auszuüben oder ein bestimmtes Ziel wie Lesen zu erreichen. Es wird schon Lesen lernen, jetzt ist es mir egal, das Kind gibt das Tempo vor. Also kaufe ich nicht solche Vorschulbücher, fragt es mich, wie Oma geschrieben wird, dann zeige ich es ihr. Diese individuelle Freiwilligkeit hast Du ja auch angesprochen. In den Einschulungsuntersuchungen wollen die Ärzte nur übereifrige Eltern bremsen, die Druck ausüben, obwohl dieses Zeitfenster sich noch nicht geöffnet hat.

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    • Viele von diesrn Vorschulbüchern sind auch nicht unbedingt gut gemacht. Da muss man gut hingucken. Zum Beispiel werden oft Laute und Buchstaben durcheinander geworfen, so dass dsnn z.B. auf einer Seite, auf der man Sachen mit „S“ einkreisen soll, auch eine Schere und ein Stern dabei sind.
      Ich kaufe durchaus manchmal solche Hefte, da mein Sohn Spaß daran hatte, darin etwas zu machen. Allerdings muss man dann auch damit leben, dass die Hefte teilweise monatelang nicht angerührt werden, denn es geht, wie du ja auch geschrieben hast, nicht um ein Ziel, sondern nur um eine Beschäftigung, die das Kind gerade interessiert.

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