Adventskalender 2015: 12. Dezember

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Fortsetzung von „Das Märchen vom kleinen Mann Jasa und dem Familienglück

Da erst bemerkte der kleine Mann Jasa, dass auf einer Tür im vierten Stock bereits die goldene Schrift erschienen war. Rasch kletterte er auf den Rücken des Vogels und ließ sich von ihm zu der Tür „Freunde“ bringen. So recht war ihm nicht klar, was Freunde mit dem Familienglück zu tun haben könnten. Umso neugieriger öffnete er die Tür. Er benötigte eine Weile um sich zu orientieren, doch dann erkannte er, dass er sich in einem Café befand. Überall quatschten Leute miteinander und der Lärmpegel war enorm. Sein Blick blieb an einer Gruppe junger Frauen hängen.

 

„Kann ich noch einen Cappuccino bekommen?“ rief eine der Frauen dem Kellner zu, der ihr kurz zu nickte und die Bestellung aufnahm. Die Frau wandte sich wieder an ihre Freundinnen: „Es freut mich so, dass wir uns endlich alle wieder sehen.“

„Ja, finde ich auch. Eigentlich sollten wir das viel öfter machen“, stimmte ihr eine blonde Frau zu. Auch die anderen gaben ihre Freude über das gemeinsame Kaffee trinken kund. Anschließend unterhielten sie sich über Gott und die Welt. Es gab kaum einen Moment, in dem mal keiner etwas sagte.

„Und auf die Kleine passt dein Mann auf?“

„Ja, aber das ist kein Problem. Das klappt sehr gut. Ein bisschen komisch ist es aber dennoch, ohne sie unterwegs zu sein.“

„Das kann ich gut verstehen. Das ging mir am Anfang auch so. Wie läuft es denn jetzt mit dem Brei?“

„Immer besser. Sie isst nun meistens ihren Teller ganz brav auf.“

Vom Thema Kinder wechselte das Gespräch zum Thema Männer, später wurde dann über Mode geredet und auch alte Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes kamen zur Sprache.

 

Gerade als eine der Frauen von einem Erlebnis in ihrem letzten Spanienurlaub erzählen wollte, wurden die Stimmen immer leiser und die Farben verblassten. Der kleine Mann Jasa konnte nicht mehr erkennen, was im Café vor sich ging und er musste verwundert feststellen, dass er sich plötzlich in einem anderen Raum wiederfand. Auch hier ging es recht laut zu und nach einer Weile begriff er, dass er in einer Kneipe war. Auf dem Bildschirm lief ein Fußballspiel, welches von den Gästen aufmerksam verfolgt wurde. Der kleine Mann Jasa beobachtete drei junge Männer, die ganz vertieft in das Spiel waren.

 

Gebannt schauten die drei Männer auf den Fernseher, der an der Wand der Kneipe angebracht war. Auf einmal sprangen sie jubelnd auf.

„Jaaaa!“ Sie klatschten sich ab und lachten.

Nach dem kurzen Moment der Freude saßen sie wieder auf ihren Plätzen und drückten ihrem Team die Daumen. Als wenige Minuten später das Spiel endete, atmeten sie erleichtert aus.

„Geiles Spiel!“

„Das kannste laut sagen! Bestellen wir noch ´n Bier?“

„Gerne.“

Nachdem die Bestellung geordert war, analysierten sie fachmäßig das Fußballspiel.

 

Davon bekam der kleine Mann Jasa jedoch nicht mehr viel mit. Das Bild verblasste und er ging wieder durch die Tür hinaus. Ganz klar war ihm nicht, was das nun mit Familienglück zu tun hatte, denn er hatte ja nicht einmal ein Paar geschweige denn eine Familie gesehen, aber eine leichte Ahnung hatte er dennoch. Er sah sich nach dem Vogel Zisali um, mit dem er seine Überlegungen gerne teilen wollte. Kaum dass er den Namen des Vogels rufen wollte, erschien dieser schon am Himmel und flog direkt auf den kleinen Mann Jasa zu. „Was…“ setzte dieser an, doch der Vogel unterbrach ihn.

„Warte. Ich fliege dich erst nach unten. Dort können wir uns dann in Ruhe unterhalten.“ Und genauso passierte es. Der kleine Mann Jasa setzte sich auf den großen Stein, auf dem er schon einmal seinen Gedanken nachgegangen war, und der Vogel Zisali machte es sich auf der Erde bequem.

„Sagst du mir nun, inwiefern Freunde etwas mit dem Familienglück zu tun haben?“ wollte der kleine Mann Jasa wissen.

„Nein.“

„Nein? Warum nicht? Ich dachte, darüber wollten wir jetzt reden.“

„Du kommst selbst darauf.“

Der kleine Mann Jasa zögerte einen Augenblick, dann begann er: „Ich denke, dass es um etwas ähnliches geht, wie bei den Hobbys. Man soll seine eigenen Interessen behalten und seine Freundschaften weiterhin pflegen, mal etwas alleine mit seinen Freunden machen und sich mit anderen Leuten austauschen.“

Der Vogel Zisali nickte eifrig und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. „Richtig, richtig!“

„Ja, ich vermute mal, dass das stimmt. Gerne würde ich mal wieder etwas mit meinen Freunden unternehmen“, gab der kleine Mann Jasa zu.

„Dann mach es doch!“ forderte ihn der Vogel auf.

„Aber dann muss ich die kleine Frau Lele mit dem Kind Klein-Jasa alleine lassen und sie hat doch schon immer so viel mit ihm zu tun. Das kann ich nicht machen. Dann habe ich ein schlechtes Gewissen.“

„Trotzdem!“ beharrte der Vogel Zisali. „Es ist wichtig! Für dich und für deine kleine Frau Lele!“

„Vielleicht können wir ja auch mal etwas gemeinsam mit Freunden von uns machen? Dann haben wir alle zusammen Spaß“, schlug der kleine Mann Jasa vor.

„Das ist auch gut, aber etwas anderes“, wandte der Vogel ein. „Ihr müsst euch alleine mit euren Freunden treffen und genauso wichtig ist es, dass ihr zusammen etwas mit guten Freunden unternehmt.“

„Das machen wir ja auch“, versuchte sich der kleine Mann Jasa zu verteidigen. Er erinnerte sich daran, dass sie im Sommer mit einem befreundeten Pärchen Minigolf spielen waren.

„Gut“, meinte der Vogel und wiederholte es dann noch einmal. „Gut.“

Eine Weile schwiegen sie nun beide. Der kleine Mann Jasa hing seinen Gedanken nach. Er dachte an seine Freunde und überlegte, zu welcher Gelegenheit er sich mit ihnen treffen könnte. Schließlich wurden seine Gedanken vom Vogel unterbrochen: „Wie gefällt dir das Haus des Familienglücks?“

„Gut“, antwortete der kleine Mann Jasa schnell.

„Du hast nun die Hälfte der Türen bereits gesehen. Hast du deine Antwort schon gefunden oder bist du weiterhin auf der Suche?“

Der kleine Mann Jasa ging im Kopf noch einmal durch, welche Aspekte des Familienglücks sich ihm bereits gezeigt hatten. Er hatte schon eine Menge zu sehen bekommen und so langsam konnte er auch wieder an das Familienglück glauben, aber da sich ihm noch kein großes Geheimnis offenbart hatte, war er der Überzeugung, dass er die Suche noch nicht abbrechen durfte.

„Ich möchte gerne noch DIE Antwort auf die Frage nach dem Familienglück herausbekommen. Ich habe sie noch nicht gefunden. Das was ich bisher gesehen habe, ist mir noch nicht überzeugend genug. Auf die Dinge kann schließlich jeder kommen. Das war alles nichts Besonderes. Es muss doch irgendetwas geben, von dem man noch nichts gehört hat. So ist das alles viel zu einfach. Wenn es tatsächlich so einfach sein soll, dass man mit einer Familie glücklich ist, dann frage ich mich, wieso es Menschen gibt, die in einer Familie unglücklich sind und die behaupten, dass es kein Familienglück gibt. Nein, irgendein großes Geheimnis muss sich noch hinter den restlichen Türen verbergen.“

„Kein Problem. Du weißt ja, dem Suchenden werden sich die Türen öffnen.“ Mit diesen Worten erhob sich der Vogel und ließ den kleinen Mann Jasa wieder einmal alleine.

Weiter geht es am 13. Dezember

Zu allen bisher erschienenen Teilen gelangt ihr über diese ÜBERSICHT.

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