Brauchen Kinder Kinderbuchklassiker?

Seit einem Jahr habe ich die Zeitschrift „Eselsohr“, eine Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendmedien, im Abo. Ich freue mich jedes Mal, wenn die neue Ausgabe im Briefkasten liegt und blättere sie immer direkt neugierig durch. Dieses Mal hat mich ein Artikel aber überdurchschnittlich lang beschäftigt. Sigrid Tinz schreibt über Kinderbuchklassiker und stellt Überlegungen an, inwiefern Kinder diese überhaupt „brauchen“. Liebt man sie nicht deshalb so sehr, weil sie einem von der Oma vorgelesen wurden? Darüber musste ich wirklich lange nachdenken und so richtig bin ich auch jetzt noch nicht zu einem abschließendem Ergebnis gekommen. Ich weiß, dass ich schnell nostalgisch bin und dass bei mir vieles seinen Wert durch das Erleben in der eigenen Kindheit bekommen hat, aber sind dies die einzigen Gründe dafür, dass ich bestimmte Bücher meinen Kindern unbedingt vorlesen möchte? Warum werden Bücher zu Klassikern? Hat dies nicht auch mit ihrer Qualität zu tun? Welche Bücher sind es, die immer wieder verkauft werden – über Jahre hinweg? Längst nicht jedes Buch, welches man in der eigenen Kindheit geliebt hat, spielt auch heute noch eine Rolle in der Bücherwelt. Manche Bücher trafen die eigenen Interessen, wurden aber längst nicht von allen geliebt, andere Bücher kennen viele Leute, die in einem ähnlichen Alter sind, aber sie sprechen die heutigen Kinder weniger an und dann gibt es eben die Bücher, die Kindern früher und heute gleichermaßen gefallen, die geliebt und weitergegeben werden möchten. Aber brauchen Kinder diese Bücher oder reicht es aus, wenn man ihnen die aktuellen guten Kinderbücher vorliest? Tja, was braucht man schon, aber ich finde, dass Kinder schon bestimmte Bücher kennen lernen sollten. Warum sollte man ihnen gute Bücher vorenthalten, nur weil sie älter sind? Warum muss das Rad immer neu erfunden werden? Häufig wird doch sogar darüber geklagt, wie viele Neuerscheinungen es im Kinder- und Jugendbuchbereich jedes Jahr gibt und wie schnell diese Bücher dann auch wieder aus den Regalen verschwinden. Da ist es doch schön, wenn es Bücher gibt, die Jahr für Jahr zuverlässig wieder gekauft werden. Vielleicht gibt es keinen Kanon guter Kinderliteratur und längst nicht jeder Klassiker ist aus literarischen oder pädagogischen Gründen empfehlenswert, aber irgendwie gehört es doch auch ein wenig zur Bildung dazu, bestimmte Bücher zu kennen, in die Geschichten und die Zeit früherer Autoren einzutauchen und teilweise eine andere Sprache auf sich wirken zu lassen. Die Kinderliteratur hat sich entwickelt und verändert. Es gab immer mal wieder Autoren, die etwas neues gewagt und ausprobiert haben, die besonders gut erzählen konnten, die auf besondere Art und Weise mit der Sprache umgingen, die außergewöhnliches geschaffen haben und meiner Meinung nach, sollten Kinder diesen Werken durchaus mal begegnen. Natürlich nicht ausschließlich, aber bei mir gehören diese Bücher auf jeden Fall dazu. Ganz aktuell habe ich gerade den „Räuber Hotzenplotz“ vorgelesen und zwar das ganze Buch innerhalb von zwei Tagen. Bücherwürmchen wollte immer wissen, wie es weitergeht. Er war von dieser Geschichte ganz eingenommen. Wie schade wäre es doch, wenn Kinder eine Figur wie den Räuber Hotzenplotz nicht mehr kennen würden! Die Geschichte ist einfach toll erzählt, sie enthält Witz und ist spannend, aber immer kindgerecht. Otfried Preußler hat wunderbare Geschichten erzählt, die einfach zeitlos sind. Was ist mit einem Buch wie „Momo“ von Michael Ende? Meines Erachtens ebenfalls ein Buch, welches man zu jeder Zeit lesen kann (und dies sage ich im Übrigen, obwohl ich dieses Buch gar nicht als Kind kennen gelernt habe, sondern erst später gelesen habe). Und natürlich muss ich als Fan auch Astrid Lindgren an dieser Stelle nennen. Ihre Art zu schreiben, ist einfach besonders und kann nicht einfach von einem anderen Autor ersetzt werden. Klar, inhaltlich sprechen vielleicht die Geschichten aus dem Holunderweg heutige Kinder mehr an als die Kinder aus Bullerbü, aber ein Michel aus Lönneberga spielte bereits beim Erscheinen in einer anderen Zeit genauso wie Ronja Räubertochter.

Mein Sohn mag im Übrigen auch „Max und Moritz“ sehr gerne. Dies ist ein Buch, welches man sicherlich als Klassiker bezeichnen würde, welches aber vom Inhalt her nicht unbedingt empfehlenswert ist. Bücherwürmchen ist dennoch fasziniert von diesem Buch und will die Geschichte immer wieder mal hören. Dieses Buch hat einfach etwas, was Kinder immer wieder fesselt. Einerseits ist es sicherlich die Faszination an den Streichen und an der Bestrafung Max‘ und Moritz‘ und andererseits spielt sicherlich auch die gereimte, eingängige Sprache hier eine große Rolle.

Grundsätzlich gibt es sehr viele Bücher, die ich gerne mag, weil ich sie in meiner Kindheit kennen gelernt habe. Aber nicht alle davon „müssen“ meine Kinder kennen lernen und ich merke auch bei einigen (z.B. bei alten Fotobilderbüchern), dass sie nicht so gut ankommen. Ich unterscheide durchaus zwischen Büchern, die ich liebe, weil sie mir vorgelesen wurden, und Büchern, die ich liebe und die mir vorgelesen wurden, welche ich als „gut“ und vorlesenswert betrachte. Bücher, die meines Erachtens zu Recht Klassiker sind und von Generation zu Generation weitergegeben werden sollten. Genauso gehören aber auch neue Bücher zum Vorlesen dazu, denn natürlich sollen Kinder auch mit modernen Geschichten, modernen Erzählstilen und modernen Bildern konfrontiert werden. Auch hier gibt es viele tolle Bücher zu entdecken und das eine oder andere Buch setzt sich hoffentlich als Klassiker durch und wird dann den Enkeln und Urenkeln ebenfalls vorgelesen.

Letztendlich gibt es natürlich beim Lesen überhaupt kein Muss. Man liest das, was den Kindern und einem selbst gefällt, aber wenn man viel liest und man sich ein wenig Gedanken darüber macht, welche Geschichten Kinder kennen lernen sollten, dann würde ich immer auch ein paar ältere Bücher nennen, egal ob sie nun offiziell als Klassiker gelten oder nicht.

Wie steht ihr zu Kinderbuchklassikern? Gehören sie ins Kinderzimmer oder kann man gut auf sie verzichten?

Eine kleine Anmerkung zum Schluss: Ich habe den Artikel von Sigrid Tinz nur als Gedankenanregung genutzt. Es soll hier nicht um ihre Darstellung und Meinung gehen oder inwiefern ich ihr zustimme oder nicht. Ich fand einfach die Überlegungen zu diesem Thema sehr spannend.

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2 Kommentare zu “Brauchen Kinder Kinderbuchklassiker?

  1. Hallo, wir lesen auch viel und ich selbst habe in meiner Kindheit wahnsinnig viel und gerne gelesen. Das will ich für meine Kinder natürlich auch….ob dazu nun immer die Klassiker gehören? Mhm, ich glaube, dass nicht alle Bücher, die ich als Kind gelesen habe und die heute als Klassiker gelten, zu meinen Kindern und in die heutige Zeit passen. Ich wähle da schon genau aus, welche Bücher ich ihnen mitgeben möchte. Aber es gibt die Klassiker, die m.E. deshalb Klassiker geworden sind und nach wie vor in allen Generationen gerne gelesen werden, weil ihre Aussagen allgemein gültig sind, weil die darin beschriebenen Sorgen, Ängste, Abenteuer auch heute noch vielen Kindern etwas sagen oder Spaß machen und weil sie sprachlich von hoher Qualität sind. Natürlich passt nicht jedes meiner Lieblingsbücher auch zu meinen Kindern. Manche Bücher finden sie zu meinem Leidwesen einfach doof oder uninteressant. Aber viele lieben sie genauso wie ich und wir haben gemeinsam Freude daran und darauf kommt es für mich an. 🙂
    Lieben Gruß, Martamam

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