Adventskalender 2015: 7. Dezember

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Fortsetzung von „Das Märchen vom kleinen Mann Jasa und dem Familienglück

Nachdenklich setzte sich der kleine Mann Jasa auf einen großen Stein. Er brauchte erst einmal eine Pause. Welche Aspekte des Familienglücks hatten sich ihm bis jetzt gezeigt? „Berührungen, Spazieren gehen, albern sein, kleine liebe Überraschungen, sich gegenseitig etwas vorlesen, Urlaub machen“, zählte er leise auf. Auch wenn er nicht alle Punkte aus seinem eigenen Leben kannte, so war doch bisher nichts besonders verwunderliches dabei gewesen. Das meiste war für den kleinen Mann Jasa selbstverständlich. Manches musste man sich vielleicht bewusst vornehmen, aber umzusetzen war das alles alle Mal. Wenn es mit dem Familienglück so einfach war, dann hatten die dunklen Männer doch reichlich Unsinn geredet. Oder täuschte ihm das Haus nur etwas vor, das es nicht gab? Der kleine Mann Jasa war immer noch ein wenig unsicher, obwohl ihm die Aspekte plausibel vorkamen. Während er versuchte seine Gedanken zu ordnen und alles, was er an diesem Tag gesehen und gehört hatte zusammenzubringen, flatterte der Vogel Zisali herbei und ließ sich leise neben ihm nieder. Als der kleine Mann Jasa aufblickte, sah er ihn aufmunternd an.

„Was ist denn nun richtig?“ fragte der kleine Mann Jasa verzweifelt.

„Such weiter!“ forderte der Vogel ihn auf und deutete mit einem der bunten Flügel zu dem Haus. „Setz dich auf meinen Rücken. Ich bringe dich zur nächsten Tür.“

Da der kleine Mann Jasa nicht wusste, was er sonst tun sollte, folgte er der Aufforderung des Vogels und ließ sich zu einer Tür im zweiten Stock bringen. „Reden, erzählen und zuhören“ las er, bevor er die Tür öffnete. Er platzte in eine Szene am Abendbrottisch hinein.

 

„Wie war dein Tag?“ erkundigte sich die Frau.

„Anstrengend. Es gab wieder mal Streit zwischen meinen Kollegen. Jeder kommt zu mir und beklagt sich über einen anderen und ich soll dann Verständnis haben. Aber ich möchte mich nicht auf die eine oder andere Seite schlagen.“ Müde bestrich sich der Mann ein Brot mit Margarine.

„Das verstehe ich. Hast du nicht vor kurzer Zeit schon mal erzählt, dass du immer der Vermittler zwischen deinen Kollegen sein sollst?“ fragte die Frau, die ihrem Mann aufmerksam zugehört hatte.

„Ja, genau. Und da habe ich gelernt, dass es besser ist, sich aus solchen Dingen heraus zu halten. Ich habe genug mit meiner eigenen Arbeit zu tun. Der Chef möchte, dass ich das Projekt, an dem ich jetzt arbeite, nächste Woche Freitag abschließe. Ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll. Einen Großteil habe ich zwar schon geschafft, aber ich muss die ganzen erfassten Daten nun noch auswerten.“

„Das schaffst du ganz bestimmt!“ Nachdem der Mann nichts weiter dazu sagte, hatte die Frau etwas zu erzählen: „Ich habe heute Morgen übrigens Frau Meier getroffen. Wusstest du, dass sie bei einem Gewinnspiel eine Reise in die Türkei gewonnen hat? Übermorgen geht es los.“

Eine Weile beschäftigten sich die beiden nun schweigend mit ihrem Essen. Leise klirrte der Löffel in der Tasse des Mannes, als er seinen Tee umrührte. Schließlich sagte die Frau: „Im Krankenhaus wird in zwei Wochen ein neuer Babymassagekurs angeboten. Was meinst du? Soll ich uns dafür anmelden?“

„Warum nicht? Wenn es vom Termin her passt, dann mach das doch. Das macht bestimmt Spaß.“

„Okay, dann melde ich uns an. Es kann ja nicht schaden, so etwas zu machen.“

 

„Ein alltägliches Gespräch. Nichts besonderes“, dachte der kleine Mann Jasa ein wenig unzufrieden. Was hatte diese Szene hier zu suchen? Das hatte doch nun wirklich nichts mit Familienglück zu tun. Aber dann fielen ihm die Abendessen mit seiner kleinen Frau Lele ein, bei denen sie sich gegenseitig etwas von ihrem Tag erzählten und über zu erledigende Dinge redeten. Er musste zugeben, dass er diese Gespräche unter keinen Umständen vermissen wollte. Es war schön sich in gemütlicher Atmosphäre mit seiner kleinen Frau Lele auszutauschen. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr verstand er diesen Puzzleteil des Familienglücks. Natürlich war es wichtig, dass man sich gegenseitig etwas zu sagen hatte, dass man miteinander reden und sich gegenseitig zu hören konnte. Vielleicht war so ein alltägliches Gespräch auch gar nicht so banal, wie er zunächst angenommen hatte oder vielleicht reichten tatsächlich solche Kleinigkeiten aus um gemeinsam glücklich zu sein. Etwas durcheinander von seinen eigenen Gedanken kletterte der kleine Mann Jasa wieder auf den Vogel Zisali. Dieser brachte ihn jedoch nicht zurück auf die Erde, sondern flog mit ihm drei Stockwerke höher.

Weiter geht es am 8. Dezember…

Zu allen bisher erschienenen Teilen gelangt ihr über diese ÜBERSICHT.

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