Wohin wandern die Wörter von alten Menschen?

Manche Bücher überzeugen einen vom ersten Augenblick an. So ein Buch ist auch „Die Wörter fliegen“. Es ist einfach ein wunderschönes, poetisches Bilderbuch, welches mehrere Themen behutsam angeht. Vor allem aber der Schluss ist einfach sehr schön gemacht und lässt einen das Buch mit einem sehr guten, dankbaren Gefühl zuschlagen, selbst wenn einem die Thematik, die dieses Buch behandelt, im Alltag viele Sorgen und Probleme macht.

Aber auch wenn das Vergessen im Alter das Hauptthema dieses Buches ist, so schwingt auch viel anderes mit: Es geht um das Verhältnis und die Beziehung von Menschen aus verschiedenen Generationen sowie die Verbundenheit untereinander. Immer wird etwas von den Vorfahren in den Nachfahren weiter leben. Die älteren Generationen geben den jüngeren etwas mit, welches von diesen bewahrt wird. Das wurde in diesem Buch einfach wunderbar dargestellt.

Pia ist noch ein kleines Kind, aber ihre Oma kümmert sich gut um sie. Die Oma bringt der Enkeltochter viel bei und führt sie in die Welt ein, indem sie die Dinge beim Namen benennt. Irgendwann verändert sich die Beziehung zwischen den Generationen. Irgendwann ist die Oma auf ihre Enkeltochter bei der Suche nach den richtigen Wörtern angewiesen. Doch ihre Sorge, dass die Wörter davon fliegen könnten, ist unbegründet, denn die Wörter sind gut bei Pia aufgehoben.

Irgendwie hat mich dieses Ende unwahrscheinlich berührt. Das Buch übt einen besonderen Zauber auf einen aus und mir gefällt, wie dieses Thema so feinsinnig und positiv bearbeitet wurde. Natürlich sind mit einer solchen Aussage nicht alle Probleme bei Seite geschoben und die Problematik des Vergessens und der Demenz wird hier selbstverständlich nicht wirklich dargestellt, aber gerade für Kinder finde ich dieses Buch sehr gelungen. So kann eine erste Annäherung an die Thematik stattfinden ohne Kinder zu ängstigen. Kinder bekommen durch das Buch mit, dass ältere Menschen manchmal alles vergessen und sie hilflos auf andere angewiesen sind. Nicht nur der eigenen Oma geht es so, sondern auch anderen ergeht es so. Dieses Wissen kann für Kinder bereits ein Trost sein. Dass man sich natürlich auch noch anders mit der Thematik auseinandersetzen sollte, steht außer Frage, aber mir gefällt, dass es eben auch ein Bilderbuch dazu gibt, welches einfach verzaubert.

Auf den Bildern stechen die Oma und Pia farblich heraus. Der Rest des Bildes ist hauptsächlich in einem Farbton gehalten und Räumlichkeiten etc. werden durch einzelne Skizzen angedeutet. Die Beziehung und die Personen stehen im Vordergrund. Gedanken und Wörter fliegen in den Bildern durch Buchstaben und in Bildern über die Seite. Alles ist ein wenig diffus, passt aber hervorragend zu der Stimmung, die dieses Buch in einem auslöst.

Leider muss ich bei aller Begeisterung, die ich für dieses Buch habe, auch sagen, dass es Bücherwürmchen bisher nicht sonderlich angesprochen hat. Ja, er lässt es sich natürlich vorlesen, aber von selbst nimmt er es nicht in die Hand. Einerseits interessieren ihn ruhigere Bücher zur Zeit grundsätzlich eher weniger, und andererseits glaube ich auch, dass es in seinem Alter noch schwierig ist, sich vorzustellen, dass sich die Beziehung zu den Eltern und Großeltern irgendwann ändern wird. Noch ist es für ihn kaum vorstellbar, dass er selbst irgendwann mal erwachsen sein wird. Er weiß, dass es so ist. Er weiß auch, dass Oma und Opa die Eltern von seiner Mama/seinem Papa sind, aber trotzdem ist das für ihn alles sehr abstrakt und er wundert sich immer wieder darüber. Wie soll er es also verstehen, dass sich auf einmal das Kind, welches er selbst ja ebenfalls noch ist, irgendwann um die Oma kümmert (die momentan zu ihm kommt um mit ihm zu spielen)? Das ist nicht ganz einfach und vermutlich zu sehr aus der Erwachsenenperspektive herausgeschrieben. Die Zielgruppe wird also leider ein wenig aus dem Blick verloren, aber letztendlich ändert dies nichts daran, dass das Buch an sich sehr schön ist. Man muss nur eben schauen, inwiefern das Buch zur eigenen Situation und zum Verständnis des eigenen Kindes passt. Vielleicht wird das Buch von Kindern auch anders wahrgenommen, wenn sie mitbekommen, dass jemand in der Familie an Demenz erkrankt ist. Dazu kann ich allerdings keine Erfahrungswerte liefern.

Fazit: Ein wunderschönes Buch, welches berührt und verzaubert, welches jedoch für kleinere Kinder noch recht schwierig ist.

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Die Wörter fliegen von Jutta Treiber und Nanna Prieler, Nilpferd in Residenz, ISBN: 978-3-7017-2146-7, 14,90€

 

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