Digital ist nicht gleich schlecht

Bücher sind heilig. Ein paar Seiten Papier, ein schöner Einband, Bilder und Text und schon ist der Buchliebhaber glücklich. An diesem über Jahre erfolgreichen Konzept muss nichts geändert werden. Muss nicht, aber darf es auch nicht? Darf und kann Technologie ein Buch bereichern? Zerstört ein sprechender Stift nicht das gemütliche Beisammensitzen und gemeinsame Schmökern? So geht doch ein Stück Lesekultur verloren. Kinder haben doch genug andere Medien um sich herum, die sie ablenken und ihre Fantasie nicht fördern. Ja, so habe ich lange Zeit gedacht und bin den sprechenden Stiften der verschiedenen Verlage sehr skeptisch begegnet. Andererseits war ich aber auch neugierig, denn einen gewissen Reiz hat das Ganze ja schon. Außerdem, so sagte ich mir, ist es ja eine ganz gute Möglichkeit Kinder, die stundenlang vor dem Fernseher oder Computer sitzen, ans Lesen und an Bücher heranzuführen. Also vielleicht doch nicht ganz so schlecht, wie zunächst gedacht, aber nichts für uns. Unser Kind liebt Bücher ja sowieso schon.

Irgendwann konnte ich es dann einfach nicht lassen und habe in einer Buchhandlung mal ein Tiptoi-Buch von Ravensburger ausprobiert. Ach ja, das hatte schon irgendwie was…

Aber irgendwie finde ich es blöd, dass der Tiptoi-Stift nur bei Büchern vom Ravensburger Verlag verwendet werden kann. Andererseits gefallen mir die Bücher des Verlags sehr gut.

Hm, und was ist mit dem Ting-System an dem mehrere Verlage beteiligt sind? Gibt es da denn auch schöne Bücher? Ich wusste es nicht.

Vielleicht dann doch ein Tiptoi-Starterset zu Weihnachten für unseren Sohn? Oder ist das doof, da wir schon jede Menge klassische Bücher aus der „Wieso? Weshalb? Warum?“-Reihe mit Klappen besitzen?

Eigentlich brauchen wir solche Bücher doch gar nicht. Man muss ja nicht immer alles haben.

Wobei… die Bücher haben ja schon etwas und ich habe auch bereits gehört, dass andere Kinder ganz begeistert davon waren…

Ein ewiges Hin und Her. Jeden Tag hatte ich mich für eine andere Richtung entschieden und dann kam der Zufall dazwischen: Ich erhielt zwei Bücher aus dem Ting-System, die ich rezensieren sollte: „Komm mit in den Zoo!“ Und „Auf geht’s zum Fußball!“ aus der Was ist was-Junior-Reihe. Jetzt war ich aber mal gespannt, wie die nun sind und was der Stift alles kann. Ich habe herausgefunden: Der Stift kann jede Menge! Es gibt unglaublich viele Geräusche und Dialoge und der Stift ist dabei sehr genau. Fast jede Person auf den Bildern sagt etwas anderes, man bekommt noch zusätzliche Informationen und sogar die Texte kann man sich komplett vorlesen lassen. Letztendlich waren mein Mann und ich ziemlich begeistert. Bei unserem Sohn hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Natürlich hatte er erst einmal Spaß daran, den Stift überall hin zu halten und er hörte auch wirklich gut zu, was der Stift so erzählte, aber irgendwann wollte er dann, dass ich ihm das Buch ohne Stift vorlese. Das hat mich innerlich ja schon ein wenig stolz gemacht: Noch wird das Vorleseerlebnis mit der Mama einem sprechenden Stift vorgezogen! Und ich habe festgestellt, dass sich das gemeinsame Blättern in einem Buch wunderbar mit dem Stift kombinieren lässt. Wir schauen uns zusammen das Buch an, ich lese ein wenig vor, wir sprechen über das, was wir sehen und tippen zusätzlich mit dem Stift auf einzelne Bilder. So kann man Bücherwürmchens Fragen „Was sagt der?“, “Was macht die?“, “Was hat der Löwe da?“ mal getrost vom Stift beantworten lassen. Gerade Bücherwürmchen und seiner Fantasie kommt der Stift entgegen, denn er verbindet durch die Dialoge etc. die Informationen eines Sachbuchs mit erlebten Geschichten der Besucher im Zoo. Das Zoo-Buch hat mir persönlich unter anderem auch durch die Bilder und den sinnvollen Einsatz des Stiftes besonders gut gefallen.

Zoo

Bücherwürmchen hat sich zunächst einmal auf das Fußball-Buch gestürzt, was mich wunderte, da er selbst noch wenig Interesse am Spiel mit dem Ball hat. Nachdem ich ihm jedoch erzählt habe, dass der Schiedsrichter gelbe und rote Karten verteilt, wenn jemand „Unfug“ macht, suchte er immer den Schiedsrichter im Buch und ließ sich dutzendfach hintereinander vom Stift den Satz „Das war’s jetzt aber: Gelb-rot!“ sagen. Daran hatte er einen riesen Spaß. Wieder einen Vorteil des Stiftes entdeckt: Das Kind kann sich selbst seinen geliebten Wiederholungen hingeben. Die nerven einen als Erwachsenen, zumindest beim vierten, fünften Mal, ja doch manchmal… Außerdem werden die Fußballsituationen und die Atmosphäre im Stadion gerade für Kinder, die sich damit noch nicht so auskennen, durch die Äußerungen und die Geräusche konkreter und nachvollziehbarer.

fussball

Mittlerweile besitzen wir noch ein drittes Buch aus dieser Reihe: „Im Einsatz! Polizei & Feuerwehr“, ein Geschenk der Oma. Anfangs waren wir ein wenig enttäuscht, – wir, das heißt mein Mann und ich -, denn in dem Buch wurden die Möglichkeiten des Stiftes nicht ganz so ausgiebig genutzt wie in den anderen Büchern. Man bekommt hier längst nicht bei jeder Person etwas anderes gesagt und häufig gibt es nur Geräusche statt Dialoge oder weiterer Informationen. Außerdem nervt uns der Zeuge mit seinem Verdrehen der Buchstaben… Furchtbar!

Aber vielleicht sollte derjenige, für den das Buch gedacht ist, es auch bewerten. Bücherwürmchen schaut sich das Buch sehr gerne an. Das Thema interessiert ihn und er findet es klasse, den Polizei- oder Feuerwehralarm zu hören. Er spielt den Verkehrspolizisten nach, weiß jetzt genau, was ein Feuerwehrmann alles anziehen muss, erkennt das Muster des Fingerabdrucks und hört sich gerne den Turmwächter aus dem Mittelalter an, der die Stadtbewohner auf einen Brand aufmerksam macht. Die Geräusche und Dialoge dieses Buches sind eigentlich völlig ausreichend. Vielleicht ist es für den Einstieg mit dem Stift sogar besser, wenn es nicht ganz so viele Punkte zum Antippen gibt.

polizei

Nachdem ich mich nun auf diese neue Technologie eingelassen habe, sieht mein Fazit folgendermaßen aus: Der Stift kann gerade Sachbücher durchaus bereichern und es macht Spaß ihn zu benutzen. Und vor allem ist er keine Konkurrenz zum normalen Vorlesen, sondern nur eine kleine Zusatzoption bei einigen Büchern. Die Geschichten, das Erzählen und Betrachten der Bilder bleiben weiterhin im Vordergrund und so soll es ja auch sein!

 Was ist was

Komm mit in den Zoo! Was ist was-Junior, Tessloff,ISBN: 978-3788620158, 19,95 €

Auf geht’s zum Fußball! Was ist was-Junior, Tessloff, ISBN: 978-3788620165, 19,95 €

Im Einsatz! Polizei & Feuerwehr, Was ist was-Junior, Tessloff, ISBN: 978-3788620127, 19,95€

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3 Kommentare zu “Digital ist nicht gleich schlecht

  1. Pingback: Nachdem der Ting-Stift hier schon heimisch ist, folgt nun der TipToi-Stift | Geschichtenwolke - Kinderbuchblog

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